Wer Ihre Aussendung noch liest
Presseverteiler entstehen meist nach Reichweite. Sinnvoller wäre die Frage, wo überhaupt noch jemand sitzt, der eine Aussendung öffnet – und darauf gibt es seit Juli eine öffentliche Antwort.

Von Norbert Oberndorfer
, 7 Minuten

Kurz gefasst
- Die Förderlisten der Medienbehörde zeigen, wo noch hauptberufliche Redaktionen sitzen – für Zeitungen, Magazine und Online-Medien, nicht für ORF und Privatradios.
- Drei Viertel des 20-Millionen-Topfs werden nach der Zahl der hauptberuflich beschäftigten Journalisten berechnet.
- Die Angaben stammen aus Nachweisen des Vorjahres und sind Näherungswerte, keine Personalstände.
- Die Rechengrundlage gilt noch für zwei Vergaberunden, danach greift die Reform ab 2028.
Am 22. Juli 2026 hat die Kommunikationsbehörde Austria (KommAustria), die Medienbehörde des Bundes, ihre Förderentscheidungen für 2026 veröffentlicht. Aus der Qualitäts-Journalismus-Förderung wurden 191 Ansuchen von 94 Förderwerbern bewilligt und der Topf von gut 20 Millionen Euro vollständig ausgeschöpft, dazu kommen 42 Ansuchen von 37 Verlegern nach dem Presseförderungsgesetz mit gut 7,1 Millionen Euro.
Für die Medienarbeit ist das die brauchbarste öffentlich zugängliche Aufstellung darüber, welche Häuser noch Redaktionen beschäftigen, allerdings nur für einen Teil des Marktes. Wo die Grenze verläuft, steht weiter unten, und sie entscheidet darüber, ob die Liste als Verteiler-Werkzeug taugt.
Reichweite sagt nichts darüber, wer berichtet
Verteiler werden fast immer nach Auflage, Unique Usern oder Bekanntheit gebaut. Diese Zahlen sagen, wie viele Menschen ein Medium erreicht. Ob dort jemand sitzt, der eine Aussendung öffnet und daraus etwas macht, sagen sie nicht.
Diese Lücke ist größer geworden. Ein Titel mit hoher Reichweite lässt sich mit einer sehr kleinen Redaktion betreiben, während ein spezialisiertes Online-Medium mit bescheidener Reichweite mehrere hauptberufliche Journalisten beschäftigt. Wer nach Reichweite sortiert, verschickt an die erste Gruppe und übersieht die zweite.
Drei Viertel des Topfs hängen an Redaktionsstellen
Die Qualitäts-Journalismus-Förderung ist in Segmente unterteilt, und das größte davon ist für diese Frage aufschlussreich.
Journalismus-Förderung. Dieses Segment wird nach der Anzahl der hauptberuflich in den Redaktionen beschäftigten Journalisten berechnet. Auf es entfallen rund drei Viertel des Jahresbudgets, 2026 waren es 74 bewilligte Einreichungen mit gut 15 Millionen Euro. Die Fördersumme steht damit in direktem Verhältnis zur Redaktionsgröße.
Übrige Segmente. Sie sagen etwas über Ausrichtung statt Größe. Dazu gehören die Inhaltsvielfalts-Förderung für regionale sowie internationale und EU-Berichterstattung (2,5 Millionen), Aus- und Fortbildung (rund 1,1 Millionen), Medienkompetenz (700.000 Euro) sowie Selbstkontrolleinrichtungen, Presseclubs und Medienforschung (knapp 320.000 Euro).
Näherungswert. Veröffentlicht werden Beträge, keine Personallisten. Für die Sortierung eines Verteilers reicht der Näherungswert, als Beleg für eine Redaktionsgröße taugt er nicht.
Kein Gütesiegel. Eine inhaltliche Qualitätsbeurteilung sieht das Gesetz als Fördervoraussetzung nicht vor; es formuliert Ausschlussgründe, etwa Aufrufe zum gewaltsamen Kampf gegen die Demokratie oder wiederholte Aufstachelung zu Hass. Die Höhe sagt etwas über die Struktur eines Hauses aus.
Die Liste kennt nur Text, keinen Rundfunk
Hier liegt die Grenze, an der jeder Verteiler scheitert, der nur aus dieser Liste gebaut wird. Die Qualitäts-Journalismus-Förderung zielt laut KommAustria auf textbasierte Nachrichtenmedien, also Tages- und Wochenzeitungen, Magazine und reine Online-Medien. ORF-Landesstudios, private Radio- und Fernsehsender kommen darin nicht vor, obwohl sie Redaktionen haben. Sie werden über andere Instrumente finanziert.
Dasselbe gilt für Häuser, die aus eigener Entscheidung kein Ansuchen stellen, und für Agenturen. Die Förderliste ist deshalb ein Werkzeug zur Sortierung eines bestehenden Verteilers. Einen neuen baut man damit nicht auf.
Die zweite Grenze liegt im Zeitpunkt, denn angesucht wird auf Grundlage von Nachweisen aus dem jeweils vorangegangenen Jahr. Die Vergabe 2026 bildet den Personalstand 2025 ab. Wer im Frühjahr 2026 abgebaut oder aufgestockt hat, steht noch nicht in der Liste.
Bis 2028 bleibt die Rechengrundlage gleich
Die Bundesregierung hat am 20. Juli 2026 eine neue Förderarchitektur auf den Weg gebracht, die ab 2028 gelten und Qualität und Unabhängigkeit stärker in den Mittelpunkt stellen soll. Medienminister Andreas Babler nennt Medienpolitik dabei Demokratiepolitik.
Für die Zwischenzeit steht seit Juli ein Paket. Es umfasst 22,5 Millionen Euro Zustellförderung pro Jahr für abonnierte Tages- und Wochenzeitungen 2027 und 2028, die Verlängerung der Digitaltransformationsförderung mit je 22,5 Millionen, eine neue Förderung von Medienangeboten für junge Menschen mit 7 Millionen sowie 3 Millionen für Medienkompetenz, gegenüber 700.000 Euro im laufenden Segment der Qualitäts-Journalismus-Förderung.
Die Kritik kommt von zwei Seiten. Die FPÖ sieht im Umbau einen staatlichen Lenkungsapparat und spricht laut ihren Aussendungen von „Gleichschaltung per Förderprogramm“. Die Grünen halten das Paket für zu klein und zu spät. Reporter ohne Grenzen verweist auf die wirtschaftliche Basis der Medien, denn Werbebudgets fließen weiter zu den großen Digitalplattformen ab.
In der Praxis gelten die heutigen Berechnungsregeln noch für zwei Vergaberunden. Wer den Verteiler jetzt danach ordnet, hat davon etwas, 2028 muss er ihn aber neu ansehen.
In Niederösterreich sinken die Beträge, der Grund ist nicht eindeutig
Die Inhaltsvielfalts-Förderung fördert regionale Berichterstattung ausdrücklich als eigenen Bereich. Für ein Landesbüro oder eine Regionalredaktion sind regionale Themen damit redaktionell erwünscht und zusätzlich mit einem geförderten Auftrag hinterlegt. Ein Thema mit klarem regionalem Bezug trifft dort auf Ressourcen. Eine Aussendung ohne erkennbaren regionalen Anlass konkurriert mit allem anderen.
In der Vergabe 2026 erhielt das Niederösterreichische Pressehaus für die NÖN 515.140 Euro aus der Journalismus-Förderung, die RegionalMedien Niederösterreich für Bezirksblätter und meinbezirk.at 398.320 Euro. Die Presse kam auf 731.859 Euro. Eine regionale Wochenzeitung liegt damit in derselben Größenordnung wie eine überregionale Tageszeitung.
Beide niederösterreichischen Häuser bekommen weniger als im Vorjahr, das Pressehaus rund vier Prozent, die RegionalMedien elf. Naheliegend ist der Schluss auf schrumpfende Redaktionen – zwingend ist er nicht. Der Topf ist gedeckelt und wurde 2026 vollständig ausgeschöpft. Melden andere Häuser mehr Stellen oder kommen Antragsteller dazu, sinkt der Einzelbetrag auch bei unverändertem Personalstand. Wer den Rückgang belegen will, braucht die Meldedaten oder eine Auskunft aus dem Haus.
Gewachsene Kontaktlisten veralten ohnehin, denn Redaktionen wurden zusammengelegt, und Zuständigkeiten haben sich verschoben. Die Förderliste nennt keine einzelnen Namen, sie zeigt nur, welche Häuser überhaupt noch Personal halten.
So sortieren Sie den Verteiler
Abgleichen. Öffnen Sie die KommAustria-Entscheidungen und markieren Sie alle Medien, die im Segment Journalismus-Förderung aufscheinen. Diese Gruppe bekommt Ihre Aussendungen zuerst.
Rundfunk separat führen. ORF-Landesstudio und Privatradios stehen in keiner dieser Listen und gehören trotzdem in jeden Verteiler, mit eigener Ansprache und eigenem Material.
Kleine Titel. Titel, die in keinem Segment vorkommen, sind nicht automatisch irrelevant. Sie brauchen aber oft fertiges Material statt eines Themenvorschlags.
Fachmedien nachtragen. Unter den 94 Förderwerbern stehen Titel, die in keinem Standardverteiler vorkommen und für ein bestimmtes Thema die beste Adresse sein können.
Kontakte überprüfen. Ein Verteiler, der zwei Jahre nicht angefasst wurde, produziert Zustellungen ohne Empfänger. Ein Anruf pro Redaktion genügt.
Wiedervorlage 2027. Die nächste Vergabe zeigt, wo sich etwas verschoben hat. Das ist der Zeitpunkt, erneut zu sortieren.
Die Aussendung muss die Arbeit vorwegnehmen
Der häufigere Fehler steckt im Text der Aussendung selbst. Was an eine kleine Redaktion geht, muss die Arbeit vorwegnehmen, die dort niemand mehr leisten kann.
Schwach wäre diese Fassung.
„Die Gemeinde X informiert über den erfolgreichen Abschluss eines Projekts. Nähere Informationen erhalten Sie auf Anfrage.“
Besser ist diese.
„Die Gemeinde X hat ihre Straßenbeleuchtung auf LED umgestellt und senkt die Stromkosten um rund 40 Prozent. Kosten, Amortisationsdauer und Vergleichszahlen der Nachbargemeinden stehen im Anhang. Bürgermeisterin Y ist am Donnerstag zwischen 9 und 12 Uhr für Rückfragen erreichbar, Bildmaterial in Druckauflösung liegt bei.“
Die zweite Variante enthält die Nachricht, die Zahl, den Vergleich, das Zitat, das Zeitfenster und das Bild. Sie kostet Sie zwanzig Minuten mehr und die Redaktion eine Stunde weniger. Das entscheidet, wenn dort drei Leute für vier Bezirke zuständig sind.
Der Verteiler ist die günstigste Verbesserung
In der Medienarbeit wird viel Zeit in Texte investiert und wenig in die Frage, wer sie bekommt. Dabei ist die Empfängerliste der Punkt, an dem ein Nachmittag Arbeit am meisten bewirkt.
Innerhalb ihrer Grenzen sind die Förderdaten dafür ein ungewöhnliches, aber belastbares Werkzeug. Sie zeigen, wer noch die Leute beschäftigt, die aus einer Aussendung eine Geschichte machen. Mit der Reichweitenliste ist das längst nicht mehr deckungsgleich.
Häufige Fragen
Sind die Förderentscheidungen öffentlich einsehbar?
Ja. Die KommAustria veröffentlicht die Entscheidungen zur Qualitäts-Journalismus-Förderung und zur Presseförderung; die Daten stehen als Open Data über die RTR zur Verfügung.
Stehen ORF und Radiosender in der Liste?
Nein. Die Qualitäts-Journalismus-Förderung erfasst textbasierte Nachrichtenmedien. Rundfunkredaktionen werden über andere Instrumente finanziert und müssen im Verteiler getrennt geführt werden.
Heißt eine hohe Förderung, dass ein Medium besonders gut ist?
Nein. Das Gesetz sieht keine inhaltliche Qualitätsbeurteilung als Fördervoraussetzung vor, nur Ausschlussgründe. Die Höhe sagt etwas über Redaktionsgröße, nicht über Qualität.
Kann ich aus den Summen die Zahl der Redakteure ablesen?
Nicht exakt. Veröffentlicht werden Fördersummen, nicht Personalstände, und sie beruhen auf Nachweisen des Vorjahres. Für die Sortierung eines Verteilers genügt das.
Ändert sich das mit der Reform?
Die neue Förderarchitektur soll ab 2028 gelten. Bis dahin wird nach denselben Regeln berechnet.
Quellen
Stand 9. September 2026. Grundlage sind die Entscheidungen der KommAustria zur Qualitäts-Journalismus-Förderung und zur Presseförderung 2026 vom 22. Juli 2026 (Fördervolumen, Segmente, Berechnungsgrundlage, Ausschlussgründe) sowie der Open-Data-Datensatz der RTR mit den Einzelbeträgen. Die Vorjahresvergleiche für das Niederösterreichische Pressehaus und die RegionalMedien Niederösterreich sind eigene Berechnungen aus den Datensätzen 2025 und 2026 und keine amtliche Angabe. Zum Medienförderpaket vom 19. und 20. Juli 2026 und zur Förderarchitektur ab 2028 stützt sich der Beitrag auf Regierungsangaben und Berichterstattung, die Kritik von FPÖ und Grünen ist daraus referiert. Die wirtschaftliche Lage beschreibt der RSF-Index der Pressefreiheit 2026. Der Beitrag ordnet die Förderlage für die Praxis der Medienarbeit ein und ersetzt keine förderrechtliche Beratung.
- KommAustria zu Qualitäts-Journalismus-Förderung und Presseförderung 2026 (öffnet in neuem Tab)
- RTR Open Data, Datensatz Qualitäts-Journalismus-Förderung (öffnet in neuem Tab)
- Überblick zum Medienförderpaket vom Juli 2026 (öffnet in neuem Tab)
- Österreichs Medienförderungen im Überblick (öffnet in neuem Tab)
- RSF-Index der Pressefreiheit 2026 (öffnet in neuem Tab)
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