Die KI‑Schulungspflicht bleibt, die Garantie fällt
Seit Februar 2025 mussten Organisationen, die KI einsetzen, nach besten Kräften sicherstellen, dass ihr Personal über ein ausreichendes Maß an KI-Kompetenz verfügt. Seit 27. Juli 2026 verlangt die geänderte KI-Verordnung stattdessen Maßnahmen, die diese Kompetenz fördern – ein bestimmtes Niveau muss niemand mehr garantieren.

, 5 Minuten, aktualisiert 4. November 2026

Kurz gefasst
- Seit 27. Juli 2026 gilt Artikel 4 der KI-Verordnung in der Fassung der Verordnung (EU) 2026/1744, Anbieter und Betreiber unterstützen damit die Entwicklung der KI-Kompetenz ihres Personals und müssen kein bestimmtes Niveau mehr garantieren.
- Erfasst ist jede Person, Behörde oder Organisation, die ein KI-System in eigener Verantwortung und nicht rein privat verwendet, dazu Personen, die in ihrem Auftrag damit arbeiten.
- Eine Verwaltungsstrafe für Artikel 4 sieht der AI Act laut KI-Servicestelle der RTR nicht vor, im Schadensfall kann der Artikel aber bei der Haftung als Argument dienen.
- Als Nachweis reicht laut EU-Kommission eine interne Aufzeichnung über Schulungen und andere Maßnahmen, ein Zertifikat schreibt Artikel 4 nicht vor.
Inhalt
- Gestrichen wurde die Garantie für ein bestimmtes Niveau
- Die EU begründet die Lockerung mit dem Aufwand kleiner Betriebe
- Eine Verwaltungsstrafe sieht die Verordnung für Artikel 4 nicht vor
- Als Nachweis genügt eine interne Aufzeichnung
- Nicht jede Person braucht dieselbe Einschulung
- Die Kommission muss jetzt Beispiele liefern
Wer im Frühjahr eine Pflichtschulung zur KI-Verordnung gebucht hat, liest seit dem Sommer immer öfter, diese Pflicht sei gefallen. Das stimmt nicht. Geändert hat sich nur, was geschuldet ist.
Gestrichen wurde die Garantie für ein bestimmtes Niveau
Artikel 4 der KI-Verordnung regelt die KI-Kompetenz, also die Fähigkeiten, Kenntnisse und das Verständnis, um KI-Systeme sachkundig einzusetzen und ihre Chancen, Risiken und möglichen Schäden einzuschätzen. Die Änderungsverordnung (EU) 2026/1744, der sogenannte Digital Omnibus zur KI, hat diesen Artikel neu gefasst. Sie stand am 24. Juli 2026 im Amtsblatt und gilt seit 27. Juli 2026.
Bisher. Anbieter und Betreiber mussten Maßnahmen ergreifen, um nach besten Kräften sicherzustellen, dass ihr Personal über ein ausreichendes Maß an KI-Kompetenz verfügt.
Jetzt. Sie ergreifen Maßnahmen, um die Entwicklung der KI-Kompetenz ihres Personals und anderer Personen zu unterstützen, die in ihrem Auftrag mit KI-Systemen arbeiten. Der neue Text hält ausdrücklich fest, dass daraus keine Pflicht folgt, für irgendeine Person ein bestimmtes Niveau zu garantieren.
Betroffene. Erfasst ist weiterhin jeder Betreiber, also jede Person, Behörde oder Organisation, die ein KI-System in eigener Verantwortung verwendet, sofern das nicht rein privat geschieht. Das Gemeindeamt mit fällt darunter ebenso wie das Pfarrbüro, das den Pfarrbrief mit ChatGPT vorbereitet, und der Betrieb mit einem Chatbot auf der Website.
Die EU begründet die Lockerung mit dem Aufwand kleiner Betriebe
In den der Änderungsverordnung heißt es, nach den Erfahrungen der Interessenträger passe eine strenge Pflicht, ein ausreichendes Maß sicherzustellen, nicht für alle Anbieter und Betreiber, und gerade kleinere Unternehmen belaste sie zusätzlich. KI-Kompetenz solle unabhängig von Pflichten und Sanktionen eine strategische Priorität sein.
Die EU-Kommission wollte im November 2025 weiter gehen. Nach ihrem Vorschlag hätten nur noch Kommission und Mitgliedstaaten die KI-Kompetenz fördern sollen, die Organisationen selbst wären aus der Pflicht entlassen worden. Der Europäische Datenschutzausschuss und der Europäische Datenschutzbeauftragte haben diese Abschwächung in ihrer gemeinsamen Stellungnahme 1/2026 vom 20. Jänner 2026 abgelehnt. Die Förderung durch Kommission und Mitgliedstaaten solle zu den Pflichten der Organisationen hinzukommen. Beschlossen wurde ein Mittelweg. Die Pflicht bleibt bei Anbietern und Betreibern, nur ihr Maßstab ist niedriger.
Eine Verwaltungsstrafe sieht die Verordnung für Artikel 4 nicht vor
Die KI-Servicestelle der RTR, die österreichische Anlaufstelle zur KI-Verordnung, hält fest, dass der AI Act selbst keine verwaltungsstrafrechtliche Sanktion für Artikel 4 vorsehe. Konsequenzen einer Nichteinhaltung könnten sich laut RTR aber in anderen Konstellationen ergeben.
Die EU-Kommission verweist in ihren Fragen und Antworten zur KI-Kompetenz auf das nationale Recht. Die der Mitgliedstaaten könnten Verstöße gegen Artikel 4 auf dessen Grundlage sanktionieren. In Österreich war Anfang August 2026 noch keine Marktüberwachungsbehörde benannt, einen Termin für die Begutachtung konnte das Bundeskanzleramt damals nicht nennen.
Die RTR verweist auf die Haftung. Fehlende Schulungen seien dem Unternehmer in der Regel nach § 1313a ABGB zuzurechnen, Artikel 4 präzisiere hier die Sorgfaltspflicht. Entsteht ein Schaden, weil jemand ein KI-Werkzeug ohne Einschulung falsch bedient hat, kann das als Verletzung der Sorgfaltspflicht gewertet werden. Eine Strafe droht wegen Artikel 4 derzeit kaum, im Schadensfall kann er aber als Argument dienen.
Als Nachweis genügt eine interne Aufzeichnung
Ein Zertifikat schreibt Artikel 4 nicht vor, weder in der alten noch in der neuen Fassung. Angebote, die mit einer gesetzlichen Zertifikatspflicht werben, beschreiben eine Pflicht, die es nicht gibt. Die EU-Kommission hält in ihren Fragen und Antworten zur KI-Kompetenz fest, dass eine interne Aufzeichnung über Schulungen und andere Maßnahmen ausreiche.
Konkrete Anforderungen an den Nachweis gibt es nach Angaben der RTR noch nicht. Sie empfiehlt eine Dokumentation und eine schriftliche KI-Strategie. Die KI-Servicestelle der RTR rät in einem Gastbeitrag in den KI-Guidelines der WKO, Art, Inhalte, Zeitpunkte und geschulte Personen festzuhalten.
Nicht jede Person braucht dieselbe Einschulung
Der neue Artikel 4 nennt selbst, wonach sich die Maßnahmen richten, nämlich nach den technischen Kenntnissen, der Erfahrung und der Ausbildung der Beteiligten, nach dem Einsatzkontext und nach den Menschen, bei denen das System eingesetzt wird. Die Mitarbeiterin am Bürgerservice, die mit einem Chatbot arbeitet, braucht anderes Wissen als der Bürgermeister, der über dessen Einführung entscheidet.
Erfasst sind auch Personen außerhalb des Personals, die im Auftrag der Organisation mit den Systemen arbeiten. In Vereinen und Pfarren sind das häufig Ehrenamtliche.
Stand in Österreich. Laut der Studie „Allianz Pulse 2026“ vom 14. Oktober 2026 haben in Österreich nur 11 Prozent der befragten Erwerbstätigen im Job eine KI-Schulung erhalten. Im Schnitt der acht untersuchten Länder sind es 17 Prozent, in den USA 30 Prozent. 52 Prozent der Erwerbstätigen in Österreich sagen, ihr Arbeitgeber biete gar keine an. Befragt hat das Marktforschungsunternehmen Qualtrics zwischen 22. April und 25. Mai 2026 online je rund 1.000 Erwachsene pro Land. Die Zahlen beruhen auf Selbstauskunft, als Größenordnung zeigen sie aber, wie viele Organisationen bei Artikel 4 noch am Anfang stehen.
Fünf Fragen reichen für die eigene Dokumentation
- Welche KI-Werkzeuge sind dienstlich im Einsatz, und wer nutzt sie?
- Wer arbeitet außerhalb des Personals damit – Ehrenamtliche, externe Dienstleister?
- Was muss die jeweilige Gruppe über Grenzen, Fehlerquellen und Datenschutz des Werkzeugs wissen?
- In welcher Form wird das vermittelt – Einschulung, Merkblatt, Workshop?
- Wo ist festgehalten, wer wann was gelernt hat?
Die Kommission muss jetzt Beispiele liefern
Neu ist auch der zweite Absatz von Artikel 4. Demnach unterstützen Kommission und Mitgliedstaaten Anbieter und Betreiber bei der Umsetzung, ausdrücklich vor allem kleine und mittlere Unternehmen. Die Kommission veröffentlicht dafür praktische Beispiele auf ihrer zentralen Informationsplattform. In Österreich ist die KI-Servicestelle der RTR die Anlaufstelle für Fragen dazu.
Ein dritter Absatz verpflichtet das KI-Gremium der EU, Empfehlungen zu beschließen, die sich an europäischen Kompetenzrahmen orientieren.
Die Neufassung senkt die Anforderungen an den Nachweis, die Aufgabe selbst bleibt. Wer KI-Werkzeuge einsetzt, muss weiterhin zeigen können, dass die Menschen daran eingeschult wurden. Dafür genügt eine Liste, ein Zertifikat braucht es nicht.
Häufige Fragen
Gibt es die KI-Schulungspflicht nach dem Digital Omnibus noch?
Ja, in abgeschwächter Form. Seit 27. Juli 2026 müssen Anbieter und Betreiber Maßnahmen ergreifen, die die Entwicklung der KI-Kompetenz ihres Personals unterstützen; ein bestimmtes Niveau müssen sie nicht garantieren.
Braucht es ein Zertifikat als Nachweis?
Nein. Artikel 4 schreibt kein Zertifikat vor, laut EU-Kommission reicht eine interne Aufzeichnung über Schulungen und andere Maßnahmen. Die RTR empfiehlt eine Dokumentation.
Drohen Strafen bei einem Verstoß gegen Artikel 4?
Laut KI-Servicestelle der RTR sieht der AI Act selbst keine Verwaltungsstrafe für Artikel 4 vor. Die EU-Kommission verweist aber auf nationale Gesetze, auf deren Grundlage die Marktüberwachungsbehörden sanktionieren könnten, und Konsequenzen können sich auch bei der Haftung ergeben.
Gilt die Pflicht auch für Gemeinden, Vereine und Pfarren?
Ja, sobald sie KI-Systeme in eigener Verantwortung und nicht rein privat einsetzen. Erfasst sind auch Personen, die im Auftrag der Organisation mit den Systemen arbeiten, in Vereinen und Pfarren häufig Ehrenamtliche.
Quellen
Stand 4. November 2026. Verordnung (EU) 2026/1744 (Digital-Omnibus-Verordnung zur KI) vom 8. Juli 2026, ABl. L vom 24. Juli 2026, in Kraft seit 27. Juli 2026, insbesondere Artikel 1 Nummer 5 (Neufassung von Artikel 4) und Erwägungsgrund 8. Verordnung (EU) 2024/1689 (KI-Verordnung), Artikel 3 Nummern 4 und 56 sowie Artikel 4 in der bis 26. Juli 2026 geltenden Fassung. Die Angaben zur internen Aufzeichnung als Nachweis und zu nationalen Sanktionen folgen den „AI Literacy – Questions & Answers“ der EU-Kommission, Stand 20. Oktober 2026, jene zur fehlenden Verwaltungsstrafe und zu den Nachweisen der KI-Servicestelle der RTR (Seiten „KI-Kompetenz“ und FAQ). Die Dokumentationsempfehlung stammt aus einem Gastbeitrag der KI-Servicestelle der RTR in den KI-Guidelines der WKO (23. April 2026). Zum Kommissionsvorschlag vom 19. November 2025 siehe die gemeinsame Stellungnahme 1/2026 von EDSA und EDSB vom 20. Jänner 2026. Die fehlende Marktüberwachungsbehörde in Österreich belegen Angaben des Bundeskanzleramts gegenüber der APA vom 2. August 2026. Die Umfragewerte stammen aus Allianz Research, „Allianz Pulse 2026 on AI“, 14. Oktober 2026, Abbildung 13 und Anhang. Online-Befragung durch Qualtrics, 22. April bis 25. Mai 2026, je rund 1.000 Befragte in acht Ländern. Dieser Beitrag ordnet die Rechtslage für die Praxis ein und ersetzt keine Rechtsberatung im Einzelfall.
- Verordnung (EU) 2026/1744 im Amtsblatt, 24. Juli 2026 (öffnet in neuem Tab)
- AI Literacy – Questions & Answers (EU-Kommission, Stand 20. Oktober 2026) (englisch) (öffnet in neuem Tab)
- Gemeinsame Stellungnahme 1/2026 von EDSA und EDSB, 20. Jänner 2026 (öffnet in neuem Tab)
- KI-Kompetenz (KI-Servicestelle der RTR) (öffnet in neuem Tab)
- FAQ der KI-Servicestelle der RTR (öffnet in neuem Tab)
- Gastbeitrag der KI-Servicestelle der RTR in den KI-Guidelines der WKO (23. April 2026) (öffnet in neuem Tab)
- Allianz Pulse 2026 on AI (Allianz Research, 14. Oktober 2026) (englisch) (öffnet in neuem Tab)
- Allianz Pulse-Umfrage 2026 (Allianz Österreich, 14. Oktober 2026) (öffnet in neuem Tab)
Peak Consulting (Norbert Oberndorfer, Niederösterreich) bietet mit dem KI-Impuls eine Einschulung für Teams in Gemeinden, Betrieben und kirchlichen Organisationen an; Termin, Inhalte und Teilnehmer lassen sich unmittelbar als Maßnahme nach Artikel 4 festhalten.
Zur Entstehung: Für Recherche und Faktencheck nutze ich KI. Jede Angabe prüfe ich an der Quelle, und jeder Satz geht erst nach meiner Freigabe online. Ist Ihnen ein Fehler aufgefallen, schreiben Sie mir an office@peakconsulting.at.
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